Der Ausgangspunkt
Leipzig-Grünau gehört zu den Stadtumbau Ost Gebieten. Das heißt, dass seit dem Jahr 2000 mit Hilfe von Bundesmitteln Wohnraum zurückgebaut wird. Viele Wohneinheiten werden auf diese Weise sonniger und attraktiver. Zugleich verschwinden bestehende Wegeverbindungen, müssen gewachsene Nachbarschaften aufgegeben und die Gestaltung der „Rückbauflächen“ geklärt werden.
Auch die WG Pro Leipzig eG hat an der Alten Salzstraße 127-129 2005 60 WE abgerissen. Sie wollte die Fläche so gestalten, dass ihre Mieter einen qualitativ hochwertigen Freiraum erhalten, in dem neue nachbarschaftliche Kontakte entstehen oder alte wiederbelebt werden und sogar gemeinsame Aktionen für Jung und Alt durchgeführt werden können.
Aber wie kann das gelingen?
Wie können Bürger sich einbringen? Wie können Architekten aus der Ideensammlung eine Planungsgrundlage schaffen? Wer wird die Fläche später pflegen? Wie wird das Wohngebiet darüber informiert? Welche Aufgaben hat die Pro Leipzig eG als Eigentümer? Kann die Fläche öffentlich zugänglich sein? Welche Rolle spielt die Stadtverwaltung Leipzig? Nehmen Bürger eine so gestaltete Fläche an?
Das Forschungsvorhaben
Zur gleichen Zeit ist das Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, vertreten durch das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) ähnlichen Fragen nachgegangen. Es hat das ExWoSt Forschungsfeld „Innovationen für familien- und altengerechte Stadtquartiere“ ins Leben gerufen und unter 360 Akteuren in Stadtquartieren einen Ideenaufruf durchgeführt. Unter den Teilnehmern war auch die WG Pro Leipzig eG gemeinsam mit Amt für Stadterneuerung und Wohnungsbauförderung, Stadt Leipzig; und
cet-01 couling I schnorbusch GbR Architekten, Berlin.
Aus den 360 Anträgen wurden 26 Modellvorhaben in ganz Deutschland und die Kolonnaden Alte Salzstraße in Leipzig Grünau ausgewählt, die im Zeitraum von 2007-2009 im Rahmen des Forschungsfeldes umgesetzt werden sollten. Die dafür benötigten Mittel wurden maßgeblich vom Bund finanziert.
Mehr: www.bbsr.bund.de
Pfad: Forschungsprogramme/ ExWoSt/ Forschungsfelder/ Innovationen für familien- und altengerechte Stadtquartiere
Projektstruktur
Grundprinzip
Alle Beteiligten sollten gemäß ihrer Aufgaben / Themenbearbeitung gleichberechtigt an dem Modellvorhaben mitwirken können. Die Bedürfnisse und Ideen der Bewohner sollten ebenso wie die der Stadt, des Eigentümers und der Planer gesammelt und ein Gemeinschaftsprojekt entstehen. Zwei Organe: Bewohnerstammtisch und Projektgruppe bildeten die Hauptstruktur. Weitere Akteure wurden prozessabhängig eingebunden, wie die Schüler der Friedrich- Fröbelgrundschule, Kita Hasenhügel, der Stadtteilladen oder der Jugendclub.
Die Projektgruppe PG
Vertreter:
- der Eigentümer der Fläche, WG Pro Leipzig eG (Rückkopplung in die Bewohnerschaft)
- der Vertreter der Kommune , ASW (Rückkopplung in die Verwaltung und ins Quartier)
- cet-01 (Gesamtgestaltung des Partizipationsprozesses und Planung)
Aufgaben:
- eine verbindliche Beteiligungsform (Stammtisch) aufbauen und begleiten
- die Projektfinanzierung sichern und überwachen
- Ergebnisse an das Bundesministerium weiterleiten und
- die Akteure vor Ort (Stammtisch) so stärken, dass eine Trägerschaft zur Belebung von Freiräumen entstehen kann.
Der Stammtisch
Der Stammtisch war ein freiwilliges, kontinuierliches und offenes Angebot für alle Bewohner. In 2 Informationsveranstaltungen, Aushängen, Pressemitteilungen, Bauschild, etc. wurde von 2007 – 2009 zur Teilnahme aufgerufen. Er wurde ehrenamtlich besucht und bot Interessierten die Möglichkeit, ihre eigenen Interessen, Wünsche und Fähigkeiten konkret einzubringen. Der Stammtisch war keine Gesprächsrunde im klassischen Sinn, sondern eine abwechslungsreiche, kreative Veranstaltung, in denen die folgenden Themen
- kreative Ideensammlung zur Nutzung anhand von Modellen, Bildern und Spaziergängen
- Diskussion und Festlegung des Erscheinungsbildes und der Maßnahmen in Abstimmung mit den Planern
- Information der Nachbarschaft von Mund zu Mund oder durch Veranstaltungen
- Überprüfung der Umsetzung
- Aufstellung einer Gartenordnung
- Entwicklung einer Trägerschaft
in der jeweils geeigneten Form erarbeitet wurden.
Zur Dokumentation wurden Tagesordnungen und Ergebnisprotokolle angefertigt.
Entwurfsprozess als "rollende Planung"
Gemeinschaftsgarten statt Kleingarten!
In der 1.Informationsveranstaltung am 08.03.2007 wurde deutlich, das der Projektantrag zum Bau eines kleinen Kleingartenensemble mit 10 Einzelnutzerflächen und einer Gemeinschaftsfläche zu errichten, für die Bewohner, vor allem für die direkten Anwohner keine nachbarschaftsgerechte Nutzung darstellte. Es sollte im Stammtisch eine Alternative entwickelt werden, die einen Ort für Alle schafft und zugleich die durch den Rückbau entstandenen Mängel beseitigt.
1. Schritt _Anbindung an das Quartier
Durch den Rückbau der Alten Salzstraße 125-129 veränderte sich die Wegeverbindung zur Alten Salzstraße. Ein Anschluss an bestehende Fußwege fehlte, andere wurden überflüssig und Qualitäten, wie die Straßenbäume am Kopf der Mannheimerstraße waren nicht mehr erlebbar.
Deswegen wurde die Fußwegverlängerung von der Mannheimer Straße zur Alten Salzstraße beschlossen
und der andere Fußweg aufgelöst mit dem Ziel die Bestandsbäume in den Garten zu integrieren.
Auch der Glascontainerplatz wurde bemängelt. Zahlreiche Glasscherben stellten eine kontinuierliche Gefahr für alle Anwohner da, was nicht zuletzt auf die lose Anordnung zurückgeführt wurde.
2. Schritt _Nutzungsvielfalt
Im Stammtisch waren viele ältere Anwohner vertreten. Ihnen fehlten geeignete Freiräume
- mit geschützten Sitzecken
- interessanten Blüherlebnissen
- geeigneter Vegetation für Kleintiere und Insekten und
- Wasserelemente zur Entspannung und Erholung.
Der Zugang für Menschen mit Gehhilfen sollte genauso möglich werden, wie das freie Spiel für Kinder. Deswegen wurden am Modell verschiedene Nutzungszonen gebaut und ein Teich ins Zentrum der Fläche gerückt.
Um das beschlossene auch anschaulich zu machen wurden von der jungen Planerin Susanne Röllig Collagen erstellt und alle Ergebnisse in Form einer ‚wachsenden Ausstellung’ aufgehängt.
3. Schritt _Abgrenzung zum Quartier
Die Anlage des Teiches zog eine lebhafte Diskussion zur Abgrenzung des Gartens nach sich. Zäune waren historisch nie geplant. Wenn Sie zur Sicherung von Flächen aufstellt werden (Bolzplätze) werden, dann um sie in der Regel zu überspringen oder niederzutreten. Zugleich sollte der Schutz für ältere Bewohner und Kleinkinder gesteigert werden. Die Pro Leipzig als Flächeneigentümer ebenso wie das Amt für Stadtgrün und Gewässer plädierten für die klare Abgrenzung zum öffentlichen Freiraum, die Stammtischmitglieder waren zunächst dagegen. Ein Kompromiss konnte über die Gestaltung gefunden werden.
Eine Trockenmauer aus recycelten Gehwegplatten an der Mannheimer Straße, ein Rosenspalier zur Alten Salzstraße ein Weidenzaun / Hecke im Übergang zur Grundschule.
4. Schritt _Pflanzenwelt
Da der Stammtisch über reiche Kenntnisse in der Wahl und Umgang mit Pflanzen verfügt wurde auch dieses Thema sorgfältig diskutiert und zur Verständigung Spaziergänge unternommen.
- im Wk 4 und in der Kirschbergsiedlung
- in der Stadt – im Haus des Buches und
- auf der Fläche
Es wurde eine Pflanzliste erstellt, in dem die persönlichen Wünsche vermerkt wurden. Dann wurden die Übereinstimmungen ermittelt und ein Pflanzplan erarbeitet, der auch den Anforderungen an einen öffentlich zugänglichen Gemeinschaftsgarten entsprechen würde.
5. Schritt _Entwurfspräsentation
Nach ca. 7 Sitzungen und intensiver, ganz unterschiedlicher Formen der Ideensammlung wurde der Entwurfsplan anderen Interessierten in der Friedrich Fröbel Schule vorgestellt, demzufolge sollten 3 Zugänge in den Garten hineinführen:
- am neuen Fußweg, von der alten Salzstraße gut einsehbar,
- am Recyclingplatz und
- nur zur Anlieferung ebenfalls an der Mannheimer Straße
ein geschwungener, gut ausgebauter Pergolen- Kolonnadenweg die Nutzungszonen erschließen, d.h.
- die zentrale Platzfläche am Eingang
- die Pflanzfelder zur individuellen Nutzung entlang der Hecke
- die Duftschlucht an den Lüftungsschächten des unterirdischen Sammelkanals und
- die große Wildwiese mit seltenen Bäumen.
6. Schritt _Berichterstattung an das BBSR
Dem Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung wurde über die gesamte Laufzeit in 6 Sachberichten, 2 Jahresberichten und einem Endbericht der Abstimmungsprozess in Wort und Bild geschildert. Die entscheidende Wendung, einen Gemeinschaftsgarten zu bauen wurde begrüßt. Von der Projektgruppe wurde erwartet, die Maßnahmen im Rahmen der Fördermittelzuwendung umzusetzen.
7. Schritt _Umsetzung in 2 Bauabschnitten
Den Stammtischmitgliedern ging es nun um eine möglichst rasche Umsetzung der Resultate. Da die genauen Vorstellungen zur Pergolakonstruktion, Gerätespinden und eventuell einem Gartenzimmer noch nicht abgeschlossen waren, wurde die Baumaßnahme in 2 Bauabschnitte unterteilt, und im Herbst mit den Bauarbeiten zum Garten begonnen. Zuvor sollten die Ergebnisse der Nachbarschaft wirkungsvoll präsentiert und der Spatenstich ausgiebig gefeiert werden.
8. Schritt _Ergebnisse gemeinsam feiern
Dazu gehört
- eine schöne Einladung
- ein gewaltiger Startschuss
- Eintüten von Blumensamenpäckchen für Alle und Verteilung
- Aufbau von Pflanztischen und intensive Information
- Die Fläche in einem positiv –negativ Bild abmähen Bild 30
- Verlosung von Baumpatenschaften moderieren
- Zusammenstehen und zusammen feiern
- Die Zukunft im Blick haben
Dieses Wohngebietsfest war ein großer Erfolg, Nicht nur, weil das Wetter so schön war und die WG Pro Leipzig Spielmannzug, Live Band, Pferdekutsche und Feuerwehr etc. organisierte und für das leibliche Wohl sorgte, sondern weil Stammtisch und Projektgruppe zusammenwuchs. Das Können eines jeden Einzelnen wurde im gemeinsamen basteln, moderieren, organisieren entdeckt.
Die Kolonnade: Einleitung
Während der Garten Gestalt annahm hat der Kolonnadenstammtisch sich mit der Pergola beschäftigt. Die Pergola sollte den Kolonnadenweg räumlich sichtbar machen, Sitzelemente anbieten und für die aktive Gartennutzung notwendige Ausstattungselemente etc. aufnehmen. Sie sollte vor Sonne schützen und eine Berankung mit Kletterpflanzen zulassen.
Schritt 1_Herstellen eines Gesamtbildes
Der Kolonnadenbausatz 1-4 durchzieht den Garten in konvex-konkaver Form auf einer Länge von ca. 60 m mit einer wechselnden Pergolentiefe von 2,40-4,20m und in einem Konstruktionsraster von 2,30m. Er ist durchgängig eingeschossig, wobei aus gestalterischen Gründen die bauliche Höhe von 2,30 -3,10 m variiert.
Der Kolonnadenbausatz ist eine Lärchenholzkonstruktion. Der Achsabstand der 29 Stützenpaare, welche die Lasten der Pfetten und Sparren ableiten beträgt 2,30m. Das Stützenpaar ist gelenkig gelagert und der Kopfpunkt biegesteif ausgebildet. Die Gründung erfolgt über Drehfundamente und dazu passende Stützenfüße.
Schritt 2_Aufteilung der Ausstattungselemente als Bausatz
Bausatz 1: verschattender Kolonnadengang (Pergola),
Bausatz 2: verschattender Kolonnadensitzplatz (Pergola mit eingehängten Sitzbänken)
Bausatz 3: verschattender Kolonnadenspindbereich (Aufbewahrung Garten- Spielgeräte)
Bausatz 4: überdachtes Kolonnaden- Gartenzimmer (Bastelraum /Werkstatt/Nachbarschaftstreff)
Das Gartenzimmer ist als Wintergarten zu verstehen, der den Nutzern in den Übergangszeiten als nicht beheizter Treffpunkt dient oder bei warmen Sommerregen Schutz bietet. Es ist ca.16qm groß. Die Nord-, Ost- und Südfassade wird maßgeblich durch Dreischichtplatten geschlossen. Die Westfassade ist mit einer Doppelflügel - und einer Dreifachflügeltür über die ganze Länge zu öffnen, um größere Veranstaltungen (Filmabende etc.) durchführen zu können.
Schritt 3_Ausführungsstandard
Auf ausdrücklichen Wunsch des Kolonnadenstammtisches wurde die, der Witterung ausgesetzte Holzkonstruktion, mit SunCare 900 o.g. und in Teilen mit wood Care UV beschichtet. Auf diese Weise wird die Vergrauung zurückgehalten und der warme Holzton erhalten. Die gesamte Verschraubung sollte in V2A ausgeführt werden. An den Sitzelementen sind alle sichtbaren Oberflächen mit einem Feinschliff zu versehen.
Schritt 4_Ergebnisse pflegen, Mängel entdecken
Parallel zur Planungsarbeit an der Kolonnade, die besonders die Ingenieure in der Stammtischrunde interessierte wurde der Garten gepflegt, und Mängel auf den Grund gegangen, wie z.B. der Qualität des Mutterbodens durch ein zusätzliches Gutachten.